|
Vor 20 Jahren fanden sich drei Kollegen nach erfolgreichem
Abschluss ihrer Studien zusammen und gründeten ein Trio mit dem
anspruchsvollen und damals mutigen Ziel, einen – wie sie es
formulierten – „Brückenschlag zwischen E- und U-Musik zu wagen.“
Mutig war sicher schon die Zusammenstellung der Instrumente:
nicht ein klassisches Klaviertrio mit Violine sollte es sein,
sondern die eher ungewöhnliche Kombination von Klavier, Cello
und Klarinette.
Wenden wir uns kurz der Charakteristika jedes einzelnen
Instruments und dessen Spieler zu. Beginnen wir mit dem „Exoten
im Umzug“, mit der Klarinette.
Das Produkt aus der Firma „Denner“ in Leipzig ist ein
überwiegend zylindrisch gebohrtes Holzblasinstrument, das am
unteren Ende parabolisch verläuft, und aus Schnabel, Birne,
oberem und unterem Mittelstück und Schallbecher besteht. Auf der
geschliffenen Bahn des Mundstücks wird eine einfache,
aufschlagende Zunge aus Bambus durch Fadenwicklung oder eine
Metallschnalle als Schwingungserreger befestigt. Je nach
Individualität des Bläsers und seinen Fähigkeiten können
Intonation, Ambitus und Klangfarbe deutlich voneinander
abweichen. Was Daniel Schnyders Individualität
angeht, erleben wir als Zuhörer immer wieder Überraschendes –
und dies stets auf höchstem Niveau an Musikalität und
Virtuosität (in dieser Reihenfolge).
Beim Klavier ist die Charakterisierung von Instrument und
Spieler bedeutend komplexer. Erst im 19. Jahrhundert wurde
nämlich der Begriff „Klavier“ für besaitete Tasteninstrumente
mit Hammertechnik angewendet. Zuvor bezeichnete der Ausdruck „Claves“
– für das damaliger Clavier mit C –, sowohl die Tangenten der
Radleier als auch die Tasten der Orgel. Auch bei Roland
war die Entwicklung komplex: Erst spielte er virtuos Klassiches
als Guéneux, dann zeitweilig als Guéneux
und Raphael zugleich. Heute hat er sich für den
Typus „Raphael“ definitiv entschieden, was gleichbedeutend ist
mit perlendem Spiel, brillanter Technik und höchst
differenzierter Anschlagskultur.
Einfacher ist die Geschichte beim Cello. Der Name für das
Tenor-Bass-Instrument der Viola da Braccio-Familie lässt sich
zwar erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nachweisen,
das Instrument hingegen ist bereits eine Jahrhundert früher
bekannt. Seine heute gültigen Masse (Korpuslänge 75 – 76 cm,
Zargenhöhe 11,5 cm) wurden von keinem Geringeren als Stradivari
1710 festgelegt: In den ersten zwölf Jahren war bei den „Festivi“
das Instrument in den festen Händen von Jürg Eichenberger,
der es mit solider Erdverbundenheit voll zum Klingen zu bringen
wusste. Seit 1999 hebt das Cello gerne auch mal ab und rückt ins
Zentrum des Zuschauer-Interesses: Mit Bettina Macher
hielt die holde Weiblichkeit im Trio Einzug und sorgt bei den
Auftritten für Spannung und akustische wie visuelle Höhenflüge.
Drehen wir das Rad der Geschichte um 20 Jahre zurück und werfen
einen Blick ins Gründerjahr des heute jubilierenden „Trio
Festivo“: 1987 war ein Jahr, das man in seiner wahren Bedeutung
eigentlich erst heute so richtig zu würdigen weiss.
-
Mikhail Gorbatschow und Ronald
Reagan unterzeichneten in Washington ein Abkommen über die
gegenseitige Abschaffung atomarer Mittelstreckenraketen.
Damit leiteten sie vertraglich – etwas salopp formuliert –
das Ende der kommunistischen Herrschaft und die heute viel
gepriesene Globalisierung unserer Welt ein.
-
Im Herbst 1987 begann die
Intifada, deren Auswirkungen wir heute den weltweiten
Terrorismus und eine völlig veränderte Haltung der Menschen
dem Thema „Sicherheit“ gegenüber verdanken.
Zu den weniger fundamentalen Ereignissen zählten etwa
-
die Geburt des
fünftmilliardsten Menschen in Zagreb,
-
die stratosphärischen
Zahlen zwischen 70 und 90 Millionen Mark, die bei Auktionen
in London und New York für die „Sonnenblumen“ und die
„Schwertlilien“ von Vinzenz van Gogh bezahlt wurden,
-
die erste Aufführung der
„Aida“ unter den Pyramiden von Luxor
-
der Rücktritt der
Bundesräte Kurt Furgler und Alphonse Egli, die durch Flavio
Cotti und Arnold Koller ersetzt wurden,
-
die Ski-WM in
Crans-Montana, bei der Zurbriggen, Müller, Walliser, Hess &
Co. Acht von zehn Titeln gewannen
-
oder das Ja des Schweizer
Volkes für die Verschärfung des Asylgesetztes
Doch fragen wir uns hier und heute: Was bedeuten 20 Jahre „Trio
Festivo“ für das Schweizer Musikleben?
Auf einen kurzen Nenner gebracht „weg von eingefahrenen Pfaden
und hin zu neuen Ufern“.
Basis
für diese Entwicklung bildeten und bilden noch heute Präzision,
Feilen am Klang, Pflege des Zusammenspiels auf hohem Niveau oder
– wie sie es fachlich formulieren: „Ständige Auseinandersetzung
mit den musikalischen Parametern Tonlänge, Tonstärke, Tonhöhe,
Tonfarbe, welche einzeln ausgelotet und in ihrer Struktur
verstanden sein müssen, um dann im Verbund perfekt abgestimmt zu
werden.“
Der Weg,
den sie beschreiten: Sie möchten Musik als Energieträger
einsetzen und so sich selbst wie dem Publikum Freude an der
Musik vermitteln. Etwas einfacher formuliert: Das „Trio Festivo“
hat seinen Blick stets auf ein breites Publikum ausgerichtet,
dem es musikalische Leckerbissen servieren möchte.
Als Ziel
wollen sie Welten verbinden, E- und U-Musik. Seit 20 Jahren
kultivieren sie gepflegten Crossover. Und dies an gewohnten wie
ungewohnten Orten und in überraschenden Kombinationen:
konzertant in klassischen Konzertsälen, mit Pferden beim CSI im
Hallenstadion, mit Literatur oder Folklore an
Weihnachtskonzerten oder openair – Sie werden heute Abend im
zweiten Teil des Programms einige Muster und Müsterchen selbst
erleben oder wieder erleben – oder im individuell ausgerichteten
kleinen, feinen Rahmen. Wo auch immer sie auftreten: die
künstlerische Qualität bleibt konstant, höchstens äussere
akustische Bedingungen können inspirierend oder störend wirken.
Flexibilität
heisst ein weiteres, wichtiges Merkmal des jubilierenden Trios
und zwar Flexibilität sowohl bei der Programmauswahl wie bei der
Gestaltung jedes einzelnen Konzerts. Dazu vielleicht zwei von
mir persönlich initiierte und mitverantwortete Auftritte: Beim
Jubiläum „250 Jahre Bank Leu“ rückte – ähnlich wie auf der CD
„Tonarten und Klangwelten“ – Zürich mit selten bis nie gehörten
Delikatessen von Richard Wagner bis Hans Moeckel ins
musikalische Zentrum. Bei einem Konzert unter dem Motto „Classic
meets Folklore“ musizierten die Festivi zusammen mit einem
Ländlerquartett und näherten sich jeweils von der eigenen
Identität ausgehend immer mehr dem Stil des andern an, was darin
gipfelte, dass der Ländler-Klarinettist den langsamen Satz des
Mozart-Konzerts spielte und Daniel Schnyder eine daraus
entwickelte virtuose Kadenz als perfekter Ländlermusiker
hinfegte.
Diese Flexibilität verdankt das „Trio Festivo“ seinem reichen
Repertoire, zum grössten Teil arrangiert von Dalibor
Brazda, dem guten, meist unsichtbaren Geist im
Hintergrund. Sein Tod vor zwei Jahren hinterliess eine nicht
leicht zu schliessende Lücke.
Kommen wir zum Schluss zum heute, zum nach 20 Jahren „Trio
Festivo“ vorliegenden Resultat. Die NZZ schrieb anlässlich eines
Konzerts in der Tonhalle „in seinem Repertoire konnte das
virtuose Trio auf seine langjährige Erfahrung bauen und mit
Temperament, Charme und Witz aufspielen. Wie perfekt die
(intuitive) Verständigung unter den drei Musikern funktioniert,
zeigte sich in den Klangbalancen wie in den agogischen und
rhythmischen Finessen.“
In Facts und Figures ausgedrückt heisst das:
Über 1000 erfolgreiche Konzerte, davon zwölf Tourneen in Japan,
wo sie jeweils vor 1000 bis 3000 begeisterten Zuhörerinnen und
Zuhörern aufgetreten sind. 13 CDs mit über 200 Titeln aus
Klassik, Salonmusik, Klezmer, Tango, Rumba&Samba bis hin zu Jazz
und Blues.
Und für mich ganz entscheidend: Seit 20 Jahren verkörpern Roland
Raphael, Daniel Schnyder, Jürg Eichenberger und seit acht Jahren
Bettina Macher in beinahe idealer Weise das Bild des heutigen
Musikers. Nicht nur perfekte Interpreten sein, sondern
eigenständige und eigenwillige Unternehmer in der Welt der
Musik. Oder wie sie es selbst formulieren: „Das Trio Festivo ist
ein Dienstleistungsbetrieb, der unzählige Gefühlsbereiche
anspricht und damit in erster Linie vorbehaltlos Freude
vermitteln will.“
Macht weiter so, liebe Festivi. Bitte. Ich gratuliere von ganzem
Herzen zum heutigen Jubiläum und wünsche viel Erfolg zumindest
für die nächsten 20 Jahre.
zum Anfang |